Die Dorabella-Chiffre Ein ungelöstes Rätsel
von Edward Elgar

Geschrieben im Juli 1897 — bis heute nicht überzeugend entschlüsselt

Die Dorabella-Chiffre: handschriftliches Kryptogramm von Edward Elgar aus dem Jahr 1897, drei Zeilen aus insgesamt 87 bogenförmigen Zeichen
Die Originalnachricht Elgars an Dora Penny, Juli 1897

Im Juli 1897 schickte der englische Komponist Edward Elgar seiner jungen Freundin Dora Penny eine kurze Nachricht aus 87 ungewöhnlichen Zeichen. Die Nachricht ist bis heute nicht überzeugend entschlüsselt worden und gehört zu den bekanntesten ungelösten Kryptogrammen der Geschichte.

Was ist die Dorabella-Chiffre?

„Dorabella“ war ursprünglich gar nicht der Name der Chiffre selbst, sondern Elgars liebevoller Spitzname für die junge Dora Penny, Tochter eines Pfarrers aus Wolverhampton und enge Freundin der Familie Elgar. Zwei Jahre später, 1899, widmete er ihr die zehnte Variation seiner berühmten Enigma-Variationen — ebenfalls unter dem Titel „Dorabella“.

Die verschlüsselte Nachricht selbst geriet für lange Zeit fast in Vergessenheit. Erst 1937, vierzig Jahre nachdem sie geschrieben worden war, veröffentlichte Dora Penny sie in ihren Erinnerungen Edward Elgar: Memories of a Variation und machte das Rätsel damit erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Seither haben sich Kryptologen, Musikwissenschaftler und Elgar-Enthusiasten immer wieder an der Entschlüsselung versucht — bislang ohne ein Ergebnis, das sich allgemein durchgesetzt hätte.

1897Edward Elgar sendet die Nachricht
Dora PennyEmpfängerin der Nachricht
87Zeichen umfasst das Kryptogramm
24unterschiedliche Zeichenformen
bis heutekeine allgemein anerkannte Entschlüsselung

Die 87 Zeichen und die 24 unterschiedlichen Symbolformen sind gut dokumentiert.

Die Dorabella-Schrift

Was die Chiffre so eigenwillig macht, ist ihr Zeichensatz: Statt Buchstaben verwendete Elgar ein System aus kleinen, bogenförmigen Strichen. Jedes Zeichen besteht aus ein, zwei oder drei ineinander verschachtelten Halbkreisen, die jeweils in eine von acht möglichen Richtungen ausgerichtet sind. Aus dieser Kombination — drei mögliche Bogenzahlen mal acht Ausrichtungen — ergeben sich genau die 24 unterschiedlichen Symbole, aus denen sich die Nachricht zusammensetzt.

Gerade diese regelmäßige, fast mechanische Struktur hat viele dazu verleitet, die Nachricht als klassische Substitutionschiffre zu behandeln — bei der jedes Symbol schlicht für einen Buchstaben des Alphabets steht. Zahlreiche Lösungsversuche beruhen auf genau dieser Annahme.

Schematische Darstellung der 24 Zeichenformen der Dorabella-Schrift

Schematische Darstellung des Formprinzips: 1 bis 3 Bögen in 8 Ausrichtungen — daraus ergeben sich die 24 Zeichenformen der Dorabella-Schrift.

Warum ist sie bis heute ungelöst?

  • Die Nachricht ist mit 87 Zeichen extrem kurz — für eine verlässliche statistische Analyse bleibt kaum Material.
  • Es existieren zahlreiche unterschiedliche Entschlüsselungsversuche, von frühen handschriftlichen Analysen bis zu computergestützten Sprachmodellen.
  • Keine der vorgeschlagenen Lösungen hat sich in der Fachwelt allgemein durchgesetzt — jede erzeugt am Ende einen eigenen, nicht überprüfbaren Text.
  • Selbst ein eigens ausgeschriebener Wettbewerb der Elgar Society konnte keine überzeugende, kohärente Lösung hervorbringen.
  • Es ist nicht einmal endgültig geklärt, ob die Zeichen überhaupt eine gewöhnliche sprachliche Nachricht codieren — oder ob sie etwas anderes darstellen, etwa eine Melodie oder eine private Gedächtnisstütze zwischen Elgar und Dora Penny.

Ist die Chiffre überhaupt echt?

Eine Frage wird in der umfangreichen Literatur zum Thema erstaunlich selten gestellt: Stammt das Kryptogramm wirklich von Edward Elgar? Der Kryptologie-Autor Klaus Schmeh hat die Zweifel 2021 zusammengetragen — angestoßen von Thomas Ernst, der eine Fachveröffentlichung dazu angekündigt hat.

Ausgangspunkt ist die Herkunft des Dokuments. Für das Kryptogramm gibt es nur eine einzige Quelle: Dora Powells Buch Edward Elgar: Memories of a Variation von 1937 — erschienen drei Jahre nach Elgars Tod. Das Original ist nicht erhalten. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Nachricht zu Elgars Lebzeiten existierte, geschweige denn, dass er sie 1897 schrieb.

Zwei andere verschlüsselte Notizen, die Elgar zugeschrieben werden und dem Dorabella-Zeichensatz ähneln, sind dagegen erhalten geblieben. Sie könnten Powell als Vorlage gedient haben — Ernst hält sogar für möglich, dass auch diese beiden gefälscht wurden, um das Kryptogramm glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Nach Elgars Tod hatte Powell Zugang zu den Unterlagen, als sie an ein Museum übergeben wurden.

Dazu kommt ein Befund aus der Analyse: Schmeh untersuchte das Kryptogramm 2018 mit zwei Verfahren, die in einem Text Vokale und Konsonanten erkennen. Bei einem Vergleichstext arbeiteten beide einwandfrei — beim Dorabella-Kryptogramm lieferten sie nichts Brauchbares. Eine einfache Buchstabenersetzung scheidet damit weitgehend aus. Es steckt also entweder eine kompliziertere Chiffre dahinter oder gar keine.

Bewiesen ist damit nichts, und Schmeh sagt das ausdrücklich: Es sind Indizien, keine Beweise. Sie bieten aber eine Erklärung dafür, warum mehr als ein Jahrhundert an Entschlüsselungsversuchen ohne Ergebnis geblieben ist — vielleicht gibt es schlicht nichts zu entschlüsseln.

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Was wollte Elgar Dora Penny wirklich mitteilen?

Die Dorabella-Chiffre in voller Größe, drei handschriftliche Zeilen aus bogenförmigen Zeichen
Mehr als 125 Jahre später bleibt die Antwort offen.

Quellen & weiterführende Informationen